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Unter ungleichen Nachbarn

Unter ungleichen Nachbarn

Neue Zuercher Zeitung
10. Januar 2014
Vietnam und Laos verbindet mit dem Süden Chinas weit mehr als nur gemeinsame Berge und Flüsse, betont werden jedoch gern die Unterschiede – Grenzerfahrungen aus dem Dreiländereck

Trotz streng bewachten Grenzen sind sich Nordvietnam, Laos und der Süden Chinas in mancher Hinsicht ähnlich. Eine Reise durch das Grenzgebiet offenbart neben Gemeinsamkeiten allerdings auch klare Gegensätze.

Nina Belz

Die Nachtruhe im Schlafwagen beginnt früh. Kurz vor 21 Uhr hat der Zug den Bahnhof von Hanoi verlassen, und es hat keine halbe Stunde gedauert, bis der Kondukteur die Fahrkarten kontrolliert und das Licht gedimmt hat. Auf den Gängen wird es still. Nach einigen Tagen in Hanoi ist dies ein schier unfassbarer Zustand. Dem Puls der Grossstadt, auf deren Strassen das organisierte Chaos herrscht, wo ständig gehupt wird, Musik läuft und Motoren heulen, kann man sich schwer entziehen. Hanoi reisst mit, fasziniert – und ermüdet. Jetzt ist nur das rhythmische Geräusch des Zuges zu hören, welcher über die Schienenstösse fährt. Beruhigende Monotonie.

Hanoi war der Ausgangspunkt unserer Reise, die durch drei Länder führt: von Vietnam über China nach Laos. Durch die bergige Landschaft, welche Heimat zahlreicher ethnischer Minderheiten ist, sind diese ebenso verbunden wie durch Flüsse und Warenströme. Dennoch trennen die drei Nachbarn streng bewachte Grenzen. Ihre Bewohner stehen sich zudem skeptisch gegenüber. Der letzte Krieg zwischen Vietnam und China liegt 35 Jahre zurück. Noch in den 1980er Jahren kam es regelmässig zu Scharmützeln an der gemeinsamen Grenze, welche deshalb für Touristen lange Zeit geschlossen war. Laos fürchtet den wachsenden Einfluss des Nachbarn im Norden, der seinen Rohstoff- und Energiehunger in dem bitterarmen Land stillt. Rund 300 Kilometer sind es von Vietnams Hauptstadt zur chinesischen Grenze. Von der fruchtbaren Ebene, in der Hanoi liegt, geht es hoch ins Gebirge, einen Ausläufer des Yunnan-Hochlandes. Wegen der Berge und der steilen Schluchten ist die Gegend dünn besiedelt. Für die Franzosen war sie Anfang des 20. Jahrhunderts allerdings kein Hindernis. Mit dem Ziel, die vietnamesische Küste mit der chinesischen Stadt Kunming zu verbinden, liessen sie damals die Yunnan-Bahn bauen. Mit einem der ehrgeizigsten Projekte der Kolonialgeschichte wollten sie ihr Einflussgebiet auf den Süden Chinas ausdehnen.

Zu Fuss nach China

Heute fährt der Zug nur noch bis Lao Cai. Knapp zehn Stunden dauert die Reise. Zwanzig Minuten vor Ankunft klopft der Kondukteur an die Tür. Er hat eine Kanne heissen Tee dabei – das Aufstehen fällt etwas leichter. Lao Cai ist um halb sechs Uhr morgens ausgestorben, erst recht, wenn es wie aus Kübeln giesst. Nur in einem kleinen Restaurant gegenüber vom Bahnhof serviert eine junge Frau heisse Pho, traditionelle Nudelsuppe – und traditionelles Frühstück. Lao Cai hat den Charme eines Ortes, an dem niemand lange bleibt. Dubios anmutende Hotels säumen den Platz vor dem Bahnhof. Dort warten Dutzende von Minibussen auf Touristen, um diese nach Sapa zu bringen. In der Umgebung der auf 1600 Metern gelegenen Stadt leben 8 der 54 ethnischen Minderheiten Vietnams. Diese Vielfalt wird besonders in Sapa seit mehreren Jahren touristisch vermarktet, kombiniert mit Wanderungen in die Reisterrassen oder den Hoang-Lien-Nationalpark.

Wir entscheiden uns, gleich in Richtung China weiterzureisen. Die Grenze öffnet jedoch erst um neun Uhr. Der süsse vietnamesische Kaffee tropft schwerfällig aus dem Filter ins Glas. Draussen rauscht der Regen. Nach zwei Stunden hält eine Art Golfcaddie vor dem Restaurant. Für ein paar Dong fährt er uns zum Grenzgebäude, das Endstation für Personen und Gütertransporte ist. Waren werden hier umgeladen. Personen gehen zu Fuss über die Brücke, die hinter dem vietnamesischen Zollgebäude liegt. Wir sind im Niemandsland. Unter unseren Füssen fliesst der Rote Fluss, die natürliche Verbindung zwischen den beiden Ländern. Am Ende der Brücke markiert ein weisser Betonbogen den Eintritt in die Volksrepublik China und, wie man demonstrieren möchte, in eine modernere Welt. Im blitzsauberen Gebäude bittet ein freundlicher Grenzbeamte zu einem Automaten, der, liest man den Pass ein, gleich ein ausgefülltes Einreisedokument ausspuckt. «It’s new», sagt er nicht ohne Stolz.

Den Chinesen, hatte der vietnamesische Reiseführer gesagt, traue man nicht. Unser Reiseführer in China verliert hingegen kein Wort über die Nachbarländer. Lieber erzählt er von den Verbesserungen, die die Infrastruktur Yunnans dank grosszügigen Zuwendungen aus Peking in jüngster Zeit erfahren hat. Zum Beispiel die neue Strasse, die vom Grenzort Hekou ins Landesinnere führt. Sie verbindet die Hauptstadt der Provinz Yunnan, Kunming, in sechs Stunden mit der Grenze. Früher hatte diese Reise zwei Tage gedauert. Verkehr gibt es auf dem neuem Asphalt indes kaum, und wären da nicht die chinesischen Schilder, könnte man sich irgendwo in der Welt wähnen.

Terrassen im Nebel

Das ändert sich, als der Minibus von der Autobahn weg auf die alte Strasse in Richtung Yuanyuang abbiegt, die alsbald ansteigt. Neben uns fliesst nun, seinem Namen treu, rotbraun der Rote Fluss, der hier Yuan Jiang heisst. Immer wieder wird er gestaut und wird ihm die Kraft abgetrotzt, die den Energiehunger stillen soll, der mit der Entwicklung auch die südliche Provinz erfasst hat. Siedlungen gibt es entlang der Strecke aber nicht viele. Die Berge sind dicht bedeckt mit sattgrünem Dschungel, sie werden höher, bis ihre Spitzen nahtlos in die tief hängenden Wolken übergehen. Yunnan wird seinem Namen an diesem Tag nicht gerecht: Wir sind nicht «südlich der Wolken», sondern bald schon mitten drin. In Xinjiezhen, dem Zentrum von Yuanyang, sieht man keine hundert Meter weit. Es ist feucht, draussen, im Restaurant und im Hotelzimmer. Die tropische Wärme, die vor wenigen Stunden noch herrschte, ist hier, auf rund 2000 Metern über Meer, einer empfindlichen Kühle gewichen. Nach Xinjiezhen kommt, wer die Reisterrassen besuchen will, die von der Unesco im vergangenen Frühjahr zum Weltkulturerbe erklärt worden sind.

Vor mehr als 1000 Jahren sollen Angehörige der Hani, einer hier heimischen Minderheit, die ersten dieser Reisfelder an den steilen Berghängen angelegt haben. Heute bedecken sie mehrere tausend Hektaren Land. Verbunden sind sie durch ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem, das durch Regenwasser gespeist wird. Tagelang kann man durch diese Landschaft wandern, wo sich in den Wasserbecken der Felder der Himmel in allen Farben spiegelt. Mancherorts sind Sonnenauf- oder Sonnenuntergang besonders eindrücklich.

Für uns spielt das keine Rolle. Auf dem Parkplatz tauschen wir bei der Souvenirverkäuferin ein paar Yuan gegen ein Bündel Postkarten ein. Sie helfen bei der Vorstellung davon, was sich nur wenige Meter vor uns im dicken Nebel verbirgt. Mehr Glück haben wir zurück in Xinjiezhen. Es ist Markttag, und der findet nur alle zwölf Tage statt. Frauen mit prall gefüllten Körben auf dem Rücken treffen gegen die Mittagszeit in dem kleinen Ort ein, um anzubieten, was ihre Beete hergegeben haben. Viele sind zu Fuss gekommen. Ihre farbenfrohe, traditionelle Kleidung ist hier nicht touristische Folklore, sondern Alltag. Um Xinjiezhen herum befinden sich vor allem Angehörige der Yi und Hani, aber auch der Miao, die in Vietnam und Laos Hmong heissen. Von den in China anerkannten 55 Minderheiten leben 25 auch in Yunnan, und zwar meist in einfachen Verhältnissen. Der Kuhmagen wird auf der Strasse zerlegt, das Huhn kurz vor dem Verkauf geteert und gerupft, und Gemüse- wie auch Fleischauslage liegen auf Blachen auf dem Boden. Vermutlich hat es auch mit dem gesteigerten touristischen Interesse zu tun, dass Stromausfälle in Xinjiezhen inzwischen selten sind und die Gassen gepflastert wurden.

Das südliche Yunnan, das zeigt sich auf dem Weg Richtung laotische Grenze, ist keineswegs nur rural geprägt. Lüchun ist eine Stadt mit mehreren tausend Einwohnern. Grosse Wohnsilos – sie stehen noch nicht lange und sind überwiegend leer – zeugen von der Urbanisierung, auf die Chinas Zentralregierung als Entwicklungsmotor setzt. Die meisten Menschen in der Grenzgegend leben indes nach wie vor von der Landwirtschaft. Neben Bananen wird hier auch Kautschuk, Tabak und Tee angebaut.

Unheimliche Stille

In Jiangcheng erfährt das Frühstück etwas Abwechslung: Zur Nudelsuppe gibt es Baozi, gedämpfte Teigtaschen, ausserdem Sojamilch. Mehr Überraschungen hat diese Stadt aber nicht parat; sie ist grau, laut und gesichtslos. Dennoch waren wir froh um das Bett. Die Distanzen, die wir zurücklegen, sind lang und die Strassen zunehmend schlecht. Doch unsere letzte Station in China verspricht Entspannung; schliesslich ist der Bezirk Xishuangbanna auch bei Chinesen eine beliebte Feriendestination: als Ausflug in die Natur. Die Luft ist sauber, das Klima tropisch, die Strassen sind verhältnismässig leer. Zum Naturerlebnis gehört der Besuch im botanischen Garten in Menglun, wo es auf mehr als 900 Hektaren rund 8000 tropische Pflanzen zu bestaunen gibt.

Chinesen staunen laut. Zum Beispiel über eine unscheinbare Pflanze, die auf Geräusche angeblich mit «Tanzen» reagiert. Frauen und Männer stehen im Kreis darum herum, plappern und kichern, während ihre Kameras blitzen und piepsen. Immer wieder beugt sich jemand zur Pflanze hinunter – und schreit sie an. Ein Schelm, wer denkt, der Wind habe die Blätter bewegt. Welches Potenzial der Region, die als Heimat der Dai-Minderheit gilt, zugemessen wird, zeigt das Engagement der thailändischen Hotelkette Anantara. Sie hat im vergangenen Jahr ein Vier-Sterne-Resort am Rand des kleinen Ortes Menglun eröffnet. Noch ist man dort fast allein, was der grosszügigen Anlage etwas Gespenstisches verleiht. Doch findet man hier etwas, das man auf dieser Reise selten vorfand und entsprechend schätzen gelernt hat: Stille.

Laos ist nah, zwei Stunden sind es noch bis zur Grenze. Der chinesische Beamte erinnert die Europäer daran, was eine Grenze ist. Er lässt sich mit der Prüfung der Ausreisedokumente viel Zeit. Zwischendurch bittet er resolut um Ruhe. Sein laotischer Kollege hingegen verlangt nicht einmal ein Visum. Es ist etwas los an dieser Grenze, und es wird schnell klar, wer das Sagen hat. Auf einem Parkplatz stehen Dutzende von chinesischen Lastwagen, beladen mit Waren und Baustoffen, die in Laos verteilt werden. Auch die Strasse, erklärt uns der laotische Reiseführer, sei von den Chinesen gebaut worden. Es kann ihm nicht schnell genug gehen, von hier wegzukommen.

Der Grenzort Boten, in chinesischer Hand, sei Hort von Mord, Prostitution und krummen Geschäften, erklärt er. Im Vorbeifahren gleicht Boten einer Geisterstadt. Vor bald drei Jahren wurde der Kasinobetrieb, der den Ort dominiert hatte, geschlossen. Mit den Gamblern verschwanden auch die Prostituierten und die meisten chinesischen Händler. Das Misstrauen der lokalen Bevölkerung aber blieb. Der chinesische Spuk nimmt ab, je weiter wir südlich kommen, ganz verschwindet er aber nie. Die Kautschukplantagen – von Chinesen gepflanzt. Der Staudamm am Zufluss des Mekong – von Chinesen gebaut. Selbst die Äpfel auf dem Dorfmarkt sind aus China importiert, wie die Verkäuferin zugibt. Doch nicht nur daran zeigt sich, dass Laos das ärmste der drei Länder ist. Die Häuser sind vielerorts nur aus Bambus gebaut, und Felder werden von Hand bestellt. Die Landschaft ist noch immer sehr gebirgig. Auf der Strasse äussert sich das in vielen Kurven. Auf dem Wasser aber bilden die bis zu 1500 Meter hohen Berge und die steilen Kalkfelsen eine spektakuläre Szenerie.

In Muang Khua besteigen wir ein Boot, das uns auf dem Fluss Nam Ou weiter gegen Süden bringt. Er verbindet die chinesische Grenze mit der Stadt Luang Prabang, wo er in den Mekong mündet. Fünf Stunden soll die Etappe nach Nong Khiaw dauern, im Vergleich zur Strasse ein Zeitgewinn. Am Ufer grasen Wasserbüffel. Einheimische pflegen Gemüsebeete, fischen oder baden. Als die Abendsonne die Bergspitzen in warmes Licht taucht, fehlt zum perfekten Naturerlebnis fast nichts mehr – wäre da nicht der ohrenbetäubende Lärm des Aussenbordmotors. Nong Khiaw ist kein Ort zum Verweilen, ist Nachtlager flussauf- und -abwärts Reisender. Uns drängt es in die Stadt, nach Luang Prabang.

Immer wieder Nudelsuppe

Gross ist sie nicht, die von Kolonialbauten geprägte Altstadt. Doch lässt sich hier mühelos eine Woche verbringen. Die Zeit vergeht schnell in den gemütlichen Cafés oder in den kleinen Läden, beim Besuch der Tempel oder des Königspalasts. Zwischen Restaurants und Internetcafés wird uns bewusst, was die vergangenen acht Tage so einzigartig gemacht hat. Sie waren wild und unberechenbar. Wie der Erdrutsch, der uns fast zu einer Übernachtung im Auto zwang. Oder die wiederkehrende Suche nach etwas Essbarem, wenn man es zur allgemeinen Essenszeit nicht ins Restaurant geschafft hatte. Natürlich gibt es auch Nudelsuppe in Luang Prabang. Aber irgendwie, so bilden wir uns das zumindest ein, schmeckte sie da, wo wir keine Wahl hatten, viel besser.

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